Marija Golubeva
Wie schaffen wir die Resilienz und Abschreckung gegen hybride Attacken, die das europäische Projekt braucht? Wie kann Europa die Bedrohung von Russland und anderen autoritären Akteuren abwehren, die nicht nur einzelne Mitgliedstaaten, sondern gezielt die gemeinsame europäische Infrastruktur und Energieversorgung angreifen und die Narrative untergraben, die Europa zusammenhalten?
Mehr über Marija Golubeva
Marija Golubeva wurde 1973 in Riga zu Zeiten der Sowjetunion geboren und wuchs in einer russischsprachigen Familie auf. Sie studierte englische Philologie an der Universität Lettland und Geschichte an der Central European University in Budapest. Ein Stipendium führte sie nach Cambridge, wo sie bei Peter Burke promovierte. Ihre Doktorarbeit untersuchte die politische Repräsentation Kaiser Leopolds I. (1640–1705): Wie wurden Hofhistoriker, Zeremonien und Bildpolitik dazu genutzt, kaiserliche Autorität zu konstruieren und zu legitimieren?
Es folgte eine Karriere in Politikforschung und -beratung. Für die Europäische Kommission, den Europarat und die lettische Regierung arbeitete sie zu Bildung, Migration und Integration im Westbalkan, in Zentralasien und Osteuropa. 2010 erschien ihr gemeinsam mit Robert Gould verfasstes Buch Shrinking Citizenship: Es dokumentiert, wie politische Sprache in Lettland demokratische Teilhabe systematisch einengte. 2018 zog sie als Mitgründerin der liberalen, proeuropäischen Partei Kustība Par! ins Parlament ein. 2021 wurde sie lettische Innenministerin und führte ein Ministerium mit rund 15.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie war die erste offen lesbische Ministerin des Landes. Im Mai 2022 trat sie infolge einer Koalitionskrise zurück.
Seit ihrem Ausscheiden aus der Politik arbeitet Marija Golubeva zum Thema der hybriden Kriegführung – dem Einsatz von Cyberangriffen, physischer Sabotage und Desinformation zur Destabilisierung offener Gesellschaften. Sie ist Mitgründerin von Meleys, einem Unternehmen für Krisenplanspiele, und forscht als Fellow am Centre for International Security der Hertie School in Berlin. Als Richard-von-Weizsäcker-Stipendiatin der Robert Bosch Academy untersucht sie, wie Russland und andere autoritäre Akteure nicht nur einzelne Mitgliedstaaten, sondern das europäische Projekt selbst ins Visier nehmen – und welche Maßnahmen zur Resilienz und Abschreckung nötig sind, um es zu verteidigen.
Lebenslauf
1973 Geboren in Riga, Lettland
1990–1994 BA in Englischer Philologie, Universität Lettland, Riga
1994–1995 MA in Geschichte, Central European University, Budapest
1995–2000 Promotion in Geschichte, Universität Cambridge – Dissertation zu politischen Normen und Ideologie in der burgundischen und habsburgischen Hofhistoriographie, ca. 1470–1700
1999–2001 Dozentin für Kulturgeschichte, Lettische Akademie für Kultur, Riga
2000 Publikation: The Glorification of Emperor Leopold I in Image, Spectacle and Text. Verlag Philipp von Zabern, Mainz
2001–2002 Kommissarische Leiterin, Institut für Politikwissenschaft, Riga-Stradiņš-Universität
2003–2004 Beraterin, Staatskanzlei (Kabinettsbüro), Lettland – Funktionsprüfung von Behörden im Rahmen der lettischen Verwaltungsreform
2004–2012 Senior Researcher & Advocacy Officer, PROVIDUS (Zentrum für öffentliche Politik), Riga – Politikanalyse und -empfehlungen zu Bildung, Migration und Integration; Auftraggeber u. a. UNDP Lettland, Open Society Institute und Net work of Education Policy Centers
2010 Publikation: Shrinking Citizenship: Discursive Practices That Limit Democratic Participation in Latvian Politics (mit Robert Gould). Rodopi
2013–2014 Senior Consultant, ICF, Brüssel – Politikforschung und -beratung für EU-Institutionen; Leitung der EU Aid Volunteers Preparatory Action (DG ECHO); Steuerung eines Lehrerbildungsreformprojekts für den Westbalkan (DG EAC); Mitautorin der Ausbildungsstandards für EU Aid Volunteers
2013 Publikation: Models of Political Competence: The Evolution of Political Norms in the Works of Burgundian and Habsburg Court Historians, c. 1470–1700. Brill's Studies in Intellectual History 220, Brill, Leiden
2014–2016 Entwicklungsdirektorin & Leiterin des Programms für Migrationspolitik, PROVIDUS, Riga – Leitung der Forschung zu Migration und Integration; Beratungmandate für die lettische Regierung, das Open Society Institute und die Renaissance Foundation Ukraine
2014–2018 Senior Consultant / Inhaberin, RHC Consulting, Lettland – Politikberatung zu Bildung, Entwicklungshilfe und humanitärer Hilfe; Auftraggeber u. a. Europäische Kommission, Europarat und lettisches Außenministerium; Feldarbeit im Westbalkan, in der Ukraine und Zentralasien
2017–2018 Senior Non-Key Expert, Quality Education Support Programme (Tadschikistan), Human Dynamics – EU-finanzierte Bildungsreform; Entwicklung von Instrumenten zur Bedarfsermittlung und Selbstevaluierung im Lehrerbereich
2018–2022 Mitglied des Parlaments, Lettischer Saeima (13. Wahlperiode) – Kustība Par! (Entwicklung/Dafür!); Mitglied des Ausschusses für nationale Sicherheit sowie des Ausschusses für Bildung, Kultur und Wissenschaft; Mitglied des Parlamentspräsidiums
2022 Vorsitzende, Ausschuss für europäische Angelegenheiten, Lettisches Parlament – Koordinierung der lettischen Positionen für den EU-Rat
Feb–Mai 2023 Richard-von-Weizsäcker-Stipendiatin, Robert Bosch Akademie, Berlin – Forschung zu Innovationen in der EU-Unterstützung für die Ukraine und Moldau seit Ausbruch des russischen Krieges 2022
2021–2022 Innenministerin der Republik Lettland, Regierung Lettlands (Kabinett Kariņš I) – Leitung des Ressorts Inneres (ca. 15.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; Jahresbudget bis zu 500 Millionen Euro); Einführung des Digital-Nomad-Visums; Koordinierung der lettischen Reaktion auf die ukrainische Flüchtlingskrise; Vertretung Lettlands im Rat für Justiz und Inneres der EU; erste offen queere Ministerin Lettlands
2022–heute Internationale Beraterin, RHC Consulting, Lettland – Politikberatung zu Demokratie, Sicherheit, Migration und Entwicklungszusammenarbeit; Auftraggeber u. a. EU-Institutionen und bilaterale Geber
2024–2025 Chief of Party, Zinc Network 2023–heute Mitgründerin, Meleys – KI-gestützte Plattform für Krisenplanspiele und strategische Kommunikation; Entwicklung von Szenarien und Trainings zur hybriden Bedrohungsabwehr für staatliche und Verteidigungskunden
2024–heute Nicht-residente Mitarbeiterin, Center for European Policy Analysis (CEPA), Washington D. C. – regelmäßige Kommentierung zu EU-Sicherheit, baltischer Verteidigung und der Östlichen Partnerschaft
2026 Richard-von-Weizsäcker-Stipendiatin, Robert Bosch Akademie, Berlin
Marija Golubevas Richard-von-Weizsäcker-Fellowship
Europa unter Angriff: Resilienz und Abschreckung für das europäische Projekt
Das europäische Projekt – nicht nur einzelne Mitgliedstaaten – ist zur primären Zielscheibe hybrider Angriffe durch Russland und andere autoritäre Akteure geworden. Das ist die zentrale These von Marija Golubeva, die sie mit ihrer Stipendienarbeit belegen und vertiefen will. In drei Bereichen, so ihr Argument, bilden die Angriffe der vergangenen vier Jahre eine koordinierte Strategie, die auf die Fundamente der EU selbst zielt.
Drei Angriffsdimensionen
Marija Golubeva analysiert Muster hybrider Angriffe zwischen 2022 und 2026. Der erste Bereich umfasst physische Angriffe auf die Infrastruktur, die die europäische Vernetzung trägt. Der zweite betrifft Angriffe auf die europäische Energieunabhängigkeit. Der dritte umfasst Informationskampagnen, die darauf abzielen, die politische Identität und das Narrativ der EU zu untergraben, insbesondere mit Blick auf die europäische Verteidigung und die EU-Erweiterung.
Ihr Argument: Diese Vorfälle sind keine isolierten Ereignisse, sondern Teil eines systematischen Versuchs, die Idee Europas als kohärentes politisches Projekt zu zerstören.
Von der Diagnose zur Abwehr
Marija Golubeva verbindet Forschung mit Praxis. Sie plant einen Runden Tisch, der Sicherheits- und Verteidigungsexpertinnen mit Fachleuten für EU-Recht und Rechtsstaatlichkeit zusammenbringt und damit zwei Gemeinschaften, deren Diskurse selten aufeinandertreffen. Darüber hinaus plant sie, ein szenariobasiertes Planspiel eines hybriden Angriffs auf Deutschland und andere EU-Mitgliedstaaten zu entwickeln und durchzuführen. Damit adressiert sie eine zentrale Schwäche der aktuellen Sicherheitsarchitektur, die nach wie vor auf die Zurechnung von Angriffen durch einzelne Mitgliedstaaten ausgelegt statt auf eine Reaktion auf EU Ebene.
Ihr Ziel ist es, konkrete Empfehlungen für Politik und Zivilgesellschaft zu erarbeiten. Ihre Überzeugung, gewachsen aus Jahren der Arbeit mit Krisenplanspielen: Resilienz ohne Abschreckung reicht nicht aus. Europa muss zeigen, dass es sich wehren kann.