Dan Hamilton: Das deutsche Interregnum
Bundeskanzlerin Merkel hinterlässt ein Deutschland, das offener, aber weniger gefestigt, demografisch und politisch vielfältiger, wirtschaftlich stärker unter Druck und international weniger umsichtig ist als das Land, das sie 2005 übernommen hat. Deutschland ist zum Dreh- und Angelpunkt eines Kontinents geworden, der sich in einem enormen Wandel befindet – ein Land mit großem Gewicht, das sich seiner Macht unsicher ist. Während Deutschlands Einfluss gewachsen ist, hat Merkels kühler und vorsichtiger Politikstil der kleinen Schritte das Vertrauen anderer Länder in Deutschland gestärkt und gleichzeitig auch das deutsche Selbstvertrauen. Das ist vielleicht ihr größtes Vermächtnis.
Merkels Methode passte in ihre Zeit. Als sie ihr Amt antrat, gab das Narrativ einer attraktiven, weitgehend unangefochtenen und allmählich expandierenden Weltordnung unter westlicher Führung den Ton an. In den letzten Jahren ihrer Amtszeit kämpfte sie für die Rettung dieses Narrativs, obwohl es viele Anzeichen für das Ende dieser Ära gab. Ein wichtiger Indikator für Merkels Erfolg ist, dass die Losung für diese Wahlsaison Kontinuität und nicht Veränderung lautet. Eine neue Regierungskoalition wird wahrscheinlich an der einen oder anderen Stelle an Merkels Politik feilen, aber sie wird den stabilitätsorientierten Konsens der deutschen Gesellschaft kaum in Frage stellen.
Aus diesem Grund erwarte ich, dass die nächste deutsche Regierung nicht viel mehr als ein Platzhalter sein wird – sicherlich legitim, doch nur unzureichend dazu in der Lage, in dieser herausfordernden, schwierigen und gefährlichen Zeit zu agieren. Die westlichen Länder befinden sich in der Defensive, Revisionisten sind auf dem Vormarsch, Europas Peripherie steht in Flammen und wirtschaftliche Abhängigkeiten werden als Waffe missbraucht. Das alles geschieht in einer Zeit, in der die digitale Revolution und die dramatischen Veränderungen in der Gentechnik und anderen Biotechnologien das Wesen globaler Macht und des politischen Einflusses verändern.
Echte Veränderungen werden in Deutschland selten an den Wahlurnen herbeigeführt. Veränderungen kommen, wenn sich ein neuer Konsens des Mainstreams in der deutschen Gesellschaft herauskristallisiert, und das ist fast nie zu Wahlzeiten der Fall. Ein neues Narrativ muss sich erst noch herausbilden. Wenn es so weit ist, wird sich Deutschland verändern. In der Zwischenzeit sollten wir uns auf ein deutsches Interregnum einstellen – eine Periode des Hin- und Herdriftens zwischen der Ära, die hinter uns liegt, und der, die noch kommen wird.