Richard von Weizsäcker Forum 2023
Politische Polarisierung in der Welt
Ivan Krastev: „Die Zukunft ist eine der größten Ressourcen der Demokratie, und die Vorstellung, dass diese Zukunft in Gefahr ist, ist ein Schlüsselelement der politischen Polarisierung. Früher war die Zukunft ein Projekt, heute ist sie nur noch eine Projektion all dessen, was uns Angst macht – mit vielen Hindernissen und Herausforderungen wie dem Aufstieg des Nationalismus und dem Klimawandel.“
Laura-Kristine Krause: „Wir müssen wieder lernen, über die Zukunft nachzudenken und darüber, wie wir sie als aktive Bürger gestalten können. Die Covid-19-Pandemie und auch die aktuelle Inflation führen dazu, dass sich die Menschen wieder für Politik interessieren und sie merken, dass ihre Stimme etwas bewirkt. Das Problem ist, dass die Politiker:innen dieses Momentum bisher nicht genutzt haben.“
Sarah Kups: „Was wir anstreben, ist ein skeptisches Vertrauen in das politische System. Die Bürger sollen ihre aktive Rolle erkennen, aber sich auch eine kritische Haltung beibehalten.“
Eine gespaltene Gesellschaft in Deutschland
Fatih Akın: „Es wird mindestens eine Generation von Filmen, Liedern, Literatur und Theaterstücken brauchen, um über aktuelle Probleme des gesellschaftlichen Zusammenhalts wie Diskriminierung und den zunehmenden Populismus sowie Fragen der deutschen Leitkultur umfassend nachdenken zu können.“
Rasha Nasr: „Politiker:innen müssen eine Vision formulieren. Die Menschen müssen wissen, was wir tun und dass wir unsere Verantwortung, dieses Land zu führen, ernst nehmen. Und wir brauchen mehr Politiker:innen aus Ostdeutschland, weil wir wissen, dass Repräsentation wichtig ist.“
Wie die Vergangenheit die Gegenwart formt
Caroline Förster: „Rechte Parteien und Konservatismus vermitteln den Eindruck, Garanten für Stabilität und Sicherheit zu sein. Angesichts des Erstarkens konservativer politischer Tendenzen ist Geschichtsbewusstsein so wichtig wie nie zuvor, um uns daran zu erinnern, wohin Rechtsextremismus führen kann.“
Markus Schlimbach: „Wohlstand ist nicht nur für die Wirtschaftskraft wichtig. Mehr Arbeitsplätze in Sachsen haben auch Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung, die Vielfalt und Fragen um Zuwanderung.“
Polarisierte Wahlen in Sachsen im Jahr 2024
Annette Binninger: „Manche nennen uns Lügenpresse und werfen uns vor, die Stimmen der extremen Rechten auszublenden. Wenn ich das schreiben würde, was manche Rechtsextreme von mir verlangen, nämlich dass unsere Demokratie gescheitert sei, dann wäre genau das eine Lüge und würde zudem den Boden für ein Ende unseres politischen Systems bereiten.“
Emiliano Chamite: „Wir arbeiten auf vielen Ebenen, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern und Neuankömmlingen den Start ins Leben in Dresden zu erleichtern. Aber wir sehen auch, dass die bürokratischen Hürden nicht vorankommen und Migration immer noch als Problem gesehen wird, während wir sie als Chance sehen.“
Eindrücke von Fellows
Ted Piccone, nonresident senior fellow, Brookings Institution: „Das diesjährige Forum war anders als alle anderen Treffen der Robert Bosch Academy, an denen ich seit meiner ersten Begegnung 2017 teilgenommen habe. Unsere Kolleg:innen brachten eine direktere Forderung nach moralischer Führung und politischem Wandel in diesen sehr unruhigen Zeiten zum Ausdruck. Ausgelöst wurde dies durch die schrecklichen Ereignisse in Israel und Palästina, aber auch durch die schwierigen Fragen der Polarisierung und Migration, die in Sachsen und Berlin diskutiert wurden. Während ich zuhörte, wurde ich erneut an die grundlegenden Werte und Prinzipien erinnert, die unsere Gemeinschaften leiten sollten - Würde, Gleichheit, Gerechtigkeit und unsere gemeinsame Menschlichkeit. Doch allzu oft werden wir diesen Standards nicht gerecht und tappen in die Fallen der Realpolitik und des Eigeninteresses. Das Forum hat mir bewusst gemacht, worauf es bei unserem gemeinsamen Streben nach Frieden und Demokratie wirklich ankommt, und den Respekt unterstrichen, den wir uns gegenseitig schulden, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.“
Anasuya Sengupta, Co-Direktorin und Mitbegründerin von Whose Knowledge?: „Für mich war es die erste Teilnahme am Forum. Das Thema der Studienreise - Polarisierung und sozialer Zusammenhalt - wurden für mich auf sehr persönliche Weise greifbar. Gleichzeitig haben die sorgfältige Programmgestaltung, die herausragenden Menschen, die wir in Berlin und Dresden treffen konnten, und die nachdenklichen Gespräche mit ihnen dazu beigetragen, die Verbindungen zwischen unseren unterschiedlichen Lebenserfahrungen und der deutschen Lebenswirklichkeit herzustellen. Besonders bewegt haben mich die Gespräche mit dem Filmemacher Fatih Akin, und Douha Al Fayyad, Emiliano Chaimite und Paolo Le Van, die ihr Leben als People of Color in Sachsen beschrieben. Beide Veranstaltungen waren für mich ein Höhepunkt des Forums - die kraftvolle Art und Weise, in der ein Filmemacher wie Fatih Akin seinen Blick darauf richtet, wer und was für die Privilegierten oft ungesehen oder unsichtbar ist, und in der im Gegenzug starke Persönlichkeiten wie Douha, Emiliano und Paolo kraftvoll ausdrücken können, was von den Privilegierten oft ungesagt oder ungehört bleibt. Sie standen für das gleichzeitige Anerkennen von Unterschieden und das Teilen einer gemeinsamen Menschlichkeit. Sie verkörperten Hoffnung und Mut.“