Das neue Paradigma: Öffnung nach Osten
Als Orbán aber schließlich 2021 damit drohte, sein Veto gegen den EU-Haushalt und den Covid-19-bezogenen Resilienz- und Wiederaufbaufonds einzulegen, brachen selbst seine engsten Verbündeten wie die deutschen Christdemokraten (CDU) den Kontakt zu ihm ab. Mit der Zeit schwand das Vertrauen und es wurde klar, dass Orbáns Ostöffnung nur auf Kosten des westlichen Bündnisses funktionieren konnte.
Ungarns Position im Krieg gegen die Ukraine
Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat alles verändert. Die europäischen Länder haben erkannt, dass ein revisionistisches Russland ein permanentes Sicherheitsrisiko für den Kontinent darstellt. Im Februar 2022 hatte Orbán zwei Möglichkeiten: einen Mittelweg zwischen Ost und West zu gehen oder sich dem westlichen Block anzuschließen.
Im März 2022 stand im Wahlkampf in Ungarn viel auf dem Spiel, und der Krieg gab Orbáns Partei (Fidesz) einen mit großen Risiken behafteten Auftrieb. Die größte Sorge der Fidesz war, wie sie die pro-ukrainische Opposition aufhalten konnte. Um verunsicherte Wähler:innen zu gewinnen, entwickelte die Kommunikationsmaschinerie der Orbán-Partei schnell ein Narrativ: „Wir sollten uns aus diesem Krieg heraushalten“, und beschuldigte die Opposition, „Ungarn in den Krieg verwickeln zu wollen“. Diese Taktik erwies sich als äußerst erfolgreich, und die Fidesz gewann die Wahlen zum vierten Mal seit 2010.
Orbán glaubte, er sei stark genug, um seinen Eiertanz zwischen Moskau und dem westlichen Bündnis fortzusetzen, doch er hatte auch noch andere Sorgen. Erstens rissen die steigenden Energiepreise 2022 ein riesiges Loch in den ungarischen Staatshaushalt. Wegen der großen Abhängigkeit von russischen Energiequellen machte sich die ungarische Regierung auf eine verzweifelte Suche, um für den Winter Gas zu einem vernünftigen Preis zu kaufen. Orbán schickte im Juli 2022 seinen Außenminister Péter Szíjjártó zu einem Treffen mit dessen russischem Amtskollegen Lawrow, um Zugeständnisse auszuhandeln. Zweitens hatten Orbáns vom Staat geförderte politische und wirtschaftliche Kreise ein großes Interesse an immensen staatlichen Investitionen, die gemeinsam mit russischen Staatsunternehmen getätigt wurden. Eine Verschlechterung der Beziehungen zu Russland drohte das lukrative Gasgeschäft, den Bau von Bahninfrastruktur und den milliardenschweren Ausbau der Atomkraft zu blockieren. Drittens leitete die Europäische Union nach den ungarischen Wahlen ein Verfahren wegen mutmaßlicher Verstöße gegen die Rechtsstaatlichkeit Ungarns ein. Die Europäische Kommission verlangte eine umfassende Gesetzgebung zur Korruptionsbekämpfung und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Justiz als Bedingung für die Auszahlung von 7,5 Milliarden Euro aus dem Post-Covid-Hilfsprogramm der EU. Für die Orbán-Regierung, die das Land in eine über 20-prozentige Inflation gesteuert hatte, waren diese Mittel wichtig für die Finanzierung des Staatshaushalts.
Orbán bereitete sich auf harte Verhandlungen mit der EU vor. Im Dezember 2022 war die ungarische Regierung bereit, mit einem Veto gegen das 18 Milliarden Euro schwere Hilfspaket für die Ukraine zu drohen, um den Europäischen Rat unter Druck zu setzen. Orbáns „bündnisfreie“ Position im Krieg wurde als Hebel eingesetzt, um an die EU-Finanzmittel zu kommen.
Orbáns opportunistische politische Kalküle
Orbán hat auch andere opportunistische politische Kalküle. Er ist sich bewusst, dass die Unterstützung der Ukraine einen sehr hohen Preis für die EU und ihre Bürger hat. Er weiß, dass es in Europa politische Parteien gibt, die zwar nicht an der Macht sind, aber seine Ansichten teilen und mit dem sogenannten „Friedensnarrativ“ Wahlen gewinnen könnten. Er rechnet damit, dass die unterschiedlichen strategischen und wirtschaftlichen Interessen der EU-Mitgliedstaaten oder die mögliche Wahl eines Präsidenten nach Art von Trump in den USA im Jahr 2024 den politischen Kurs ändern könnten und dass die Unterstützung für die Ukraine dann versiegen könnte. Orbán geht große Risiken ein und hofft, dass seine „vernünftige Friedenspolitik“ nach dem Ende des Krieges belohnt wird. Während der Migrationskrise im Jahr 2015 katapultierte ihn eine ähnlich radikale Strategie in die Position eines der einflussreichsten Politiker in Europa.
In einer kürzlich gehaltenen Rede brachte Orban seinen Willen zum Ausdruck, Ungarn zu einer europäischen Mittelmacht aufzubauen. Dies sei nur möglich, wenn Ungarn eine manövrierfähige Position zwischen den westlichen Bündnissen und den östlichen Partner:innen beibehalte. Er lehnt die Neuschaffung geopolitischer Blöcke ab, weil er befürchtet, dass dadurch Länder an der Peripherie ausgegrenzt werden.
Orbán ist nicht pro-Putin. Orbán ist pro-Orbán. Ungarn hat keinen Einfluss auf den Ausgang des Krieges in der Ukraine. Orbáns Worte werden an keinem zukünftigen Verhandlungstisch Gehör finden, aber er sieht in jeder Krise eine Gelegenheit, sie für seine Zwecke auszunutzen. Ironischerweise entwickelt sich Mitteleuropa mit dem russischen Angriffskrieg zu einem neuen Brennpunkt für Europa, wie Orbán lange gehofft hatte. Doch wird Orbáns Ungarn in diesem neuen Kern Europas noch Macht haben – oder hat er alle seine Karten ausgespielt und Ungarn damit höchstwahrscheinlich in einer Art Vakuum zwischen Ost und West isoliert?
Zsuzsanna Szelényi ist Expertin für Außenpolitik, Programmdirektorin am CEU Democracy Institute und Richard von Weizsäcker Fellow. In ihrem Buch "Tained Democracy. Viktor Orbán and the Subversion of Hungary" analysiert sie, wie Viktor Orbán seine Macht gefestigt hat und welche Lehren aus den ungarischen Erfahrungen gezogen werden können.