Henry Alt-Haaker: Das Fördergebiet der Gesundheit ist älter als die Stiftung selbst und geht direkt auf das philanthropische Engagement des Stifters Robert Bosch zurück. Es stellt auch mit großem Abstand die größte finanzielle Verpflichtung dar, die wir als Stiftung in unserer Geschichte eingegangen sind. Gesundheit ist darüber hinaus ein Thema, das jeden Menschen sehr unmittelbar betrifft: Wir werden alle älter und irgendwann einmal krank. Olaf Scholz war gerade erst in Kenia und hat dort über die Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems – besonders mit Bezug auf den Fachkräftemangel gesprochen. Welches sind in deinen Augen die größten Herausforderungen des deutschen Gesundheitssystems?
IWT: Die Digitalisierung sehe ich überhaupt nicht als Herausforderung, sondern im Gegenteil, im Kontext Gesundheitssystem als große Chance. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz können und müssen die Ärzt:innen und andere Gesundheitsberufsgruppen bei ihrer Arbeit unterstützen - nicht ersetzen - sei es bei der Erhebung von Gesundheitsdaten oder dem Erkennen von Mustern in der Vielzahl von Daten, die weltweit schon erhoben sind und noch erhoben werden. So beurteilt zum Beispiel ein eigens programmierter KI-Algorithmus Hauttumore nachweislich präziser als Hautärzt:innen. In einer 2019 publizierten Studie traten 157 Hautärzte aus zwölf Universitätskliniken in Deutschland gegen die Computer an: Sowohl die Ärzt:innen als auch der Algorithmus beurteilten 100 Bilder danach, ob es sich um ein Muttermal oder um schwarzen Hautkrebs handelt. Am Ende war die künstliche Intelligenz präziser als die klinische Diagnostik. Durch Analyse von Datenbanken können zudem genetische und seltene Erkrankungen einfacher diagnostiziert werden. Natürlich müssen diese Daten in vertrauensvolle Hände fallen und der Datenschutz beachtet werden. Dafür müssen gute gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden und das passiert aktuell.
IWT: Der Bosch Health Campus (BHC) in Stuttgart ist eine relativ neue und einzigartige Einrichtung, die im Wesentlichen aus vier Elementen besteht: Das größte Element ist Care, also die Versorgung, und das ist das Robert-Bosch-Krankenhaus. Dann gibt es das Element Education in Form des Irmgard-Bosch-Bildungszentrums für die Aus- und Weiterbildung in den Gesundheitsberufen. Das dritte Element Research sind unsere Forschungsinstitute, das Robert-Bosch-Centrum für Tumorerkrankungen, das Institut für Geschichte der Medizin und das Institut für Klinische Pharmakologie. Dort wird Forschung auf Weltniveau betrieben. Und schließlich das Element Fördern, für das das Robert Bosch Centrum für Innovationen im Gesundheitswesen steht, kurz RBIG. Damit unterscheiden wir uns von Universitätskliniken, die nur maximal die drei Elemente Forschung, Versorgung und Ausbildung unter einem Dach vereinen. Unsere Modell-Vorhaben wollen wir - also das RBIG - in Zusammenarbeit mit den anderen Elementen am BHC erproben und wo immer nötig auch mit nationalen und internationalen Partnern kooperieren. Ein besonders wichtiger Partner am BHC wird die ebenfalls dort angesiedelte Koordinierungsstelle Telemedizin Baden-Württemberg (KTBW) sein.
IWT: Aktuell gibt es bundesweit mehr als zehn Standorte unserer PORT-Zentren als Anlaufstelle für die ambulante Gesundheitsversorgung und Behandlung. Die Zentren sind auf regionale Bedarfe ausgerichtet, es gibt oft Sozialberatung und Dolmetscher:innen, und Patient:innen werden nicht nur versorgt, sondern erhalten auch Angebote zur Prävention von Krankheiten. In den Zentren arbeiten Teams aus Gesundheits-, Sozial- und anderen Berufen auf Augenhöhe eng zusammen. Akademisch ausgebildete Krankenpfleger:innen, die sogenannten Community Health Nurses, sind hier besonders zu erwähnen, die u.a. auch Aufgaben von Ärzt:innen übernehmen.
IWT: Eines unserer Projekte ist das SCIANA- Health Leaders-Netzwerk, das führende Personen aus Forschung und Praxis zusammenbringt, um aktuelle Herausforderungen zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Daraus erhalten wir viele Impulse für unsere weitere Arbeit. Die internationale Zusammenarbeit zeigt sich aber auch durch die gemeinsamen Netzwerke, die wir haben, vor allem europaweit, etwa. mit dem Karolinska Institut in Schweden, dem Vall D’Hebron Krankenhaus in Barcelona oder der ETH in Zürich. Beispiele für aktuelle Überlegungen oder vorangeschrittene gemeinsame Pläne mit europäischen Partnern sind ein Forschungskolleg zum Thema Angewandte Künstliche Intelligenz in der Gesundheitsversorgung oder eine gemeinsame Plattform zum Thema evidenzbasierte Prävention.
IWT: Unser Ansatz ist es, gute Gesundheitsversorgung für alle bereitzustellen und unser Gesundheitssystem fit für die Zukunft zu machen. Obwohl wir klein sind, haben wir bereits viel im Gesundheitsbereich in Deutschland erreicht. Primärversorgungszentren, deren Vorbild die PORTs sind, stehen mittlerweile im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung und werden von anderen Trägern nachgeahmt. Die Initiative Gesundheitszentren in Hamburg hat uns eingeladen, sie zu beraten. Die durch PORTs eingeführte neue Rollenverteilung der Gesundheitsberufe zieht weite Kreise in das deutsche Gesundheitssystem. Im RBIG nutzen wir den Raum zu experimentieren und neue Innovationen voranzubringen, und die PORT-Zentren sind dafür ein erfolgreiches Beispiel.
Das heißt also quasi, unser Ansatz ist es: Wir probieren etwas aus, dass sich sonst keiner traut, und dadurch, dass es gut funktioniert, überzeugen wir andere Akteur:innen so weit, dass wir uns dann irgendwann überflüssig machen. Das klingt nicht nach einem schlechten Ansatz.
Liebe Ingrid, vielen Dank für das Gespräch.
Henry Alt-Haaker leitet den Bereich Strategische Partnerschaften und Robert Bosch Academy der Robert Bosch Stiftung.
Dr. Ingrid Wünning Tschol leitet das Robert Bosch Centrum für Innovationen im Gesundheitswesen (RBIG) am Bosch Health Campus in Stuttgart. Das RBIG widmet sich der Förderung vielversprechender neuer Ideen für eine bessere Gesundheitsversorgung.
Erfahren Sie mehr über die Arbeit der Stiftung im Bereich Gesundheit
Der Bosch Health Campus verbindet alle Einrichtungen und Aktivitäten der Robert Bosch Stiftung im Bereich Gesundheit.