Alireza Eshraghi
Wie bleibt kollektives Handeln unter Bedingungen schwindenden Vertrauens möglich?
Mehr über Alireza Eshraghi
Alireza Eshraghi bringt als Richard von Weizsäcker Fellow eine Frage nach Berlin, die ihn schon seit Leben lang beschäftigt. Geboren 1978 in Isfahan, zwei Monate vor der Iranischen Revolution, wuchs er in einer einflussreichen Familie auf, deren Welt zerbrach: erst durch das neue Regime, dann durch die Bomben des Iran-Irak-Kriegs. Mit Anfang zwanzig, während der kurzen Reformära unter Khatami, wurde er einer der jüngsten leitenden Redakteure Teherans. Er war überzeugt, dass sich Irans geschlossenes System mit Argumenten verändern ließe.
Es ließ sich nicht bewegen. 2002, nach dem Abdruck einer winzigen Karikatur, kam er für 53 Tage in Einzelhaft im berüchtigten Evin-Gefängnis. Internationale Proteste brachten ihn frei, doch Journalismus und Studium blieben ihm verwehrt. 2007 verließ er den Iran. Er fasste neu Fuß in den USA, als Wissenschaftler und als Praktiker. Er promovierte in Kommunikationswissenschaften an der University of North Carolina at Chapel Hill. Beim Institute for War and Peace Reporting (IWPR) hat er eine Reihe von Programmen auf-gebaut, die zivilgesellschaftliche Akteur:innen in über 40 Ländern mit Information und praktischer Beratung darin unterstützen, kreativer, besser organisiert und schlagkräfti-ger zu werden.
Aus dieser Arbeit erwuchs eine ernüchternde Erkenntnis für Eshraghi: Quer durch polari-sierte Gesellschaften – ob in Teheran, den USA oder Europa – bröckeln die Grundlagen gemeinsamen Handelns. Das Vertrauen in Institutionen, Medien, Fachleute, sogar inei-nander, schwindet. Was über Jahre gewachsen ist, lösen soziale Medien in Stunden auf.
Viele zivilgesellschaftliche Ansätze bemühen sich darum, Vertrauen wiederherzustellen. Eshraghi fragt grundsätzlicher: Was, wenn sich Vertrauen gar nicht mehr voraussetzen lässt? Und wie können Menschen trotzdem gemeinsam handeln? An der Robert Bosch Academy sucht er nach Alternativen zum Vertrauen – nach Grundlagen, aus denen Ge-meinschaft und Wandel auch in unsicheren Zeiten entstehen können.
Lebenslauf
1978 Geboren in Isfahan, Iran
1997 Beginn des Studiums der Politikwissenschaft an der Imam-Sadeq-Universität, Teheran; Einstieg in den Journalismus im selben Jahr, in dem Irans reformorientierte Presse entsteht
1997–2007 Geschäftsführender Redakteur, Chefredakteur und leitender Redakteur bei führenden reformorientierten Tageszeitungen Irans, darunter Shargh, Hayat-e No, Hamshahri Diplomatic, Asia, Jahan Sanat und Bayan
2002 Kombinierter B.A./M.A. in Politikwissenschaft, Imam-Sadeq-Universität; Verhaftung und Einzelhaft im Evin-Gefängnis; Auszeichnung mit Irans Nationalem Journalismus-preis
2002–2005 Juror, Irans Nationaler Journalismuspreis (das iranische Pendant zum Pulitzer-Preis)
2008 Verlässt den Iran; Fellowship für Neue Medien, Graduate School of Journalism, UC Berkeley
2008–2010 Gastwissenschaftler, Institute of International Studies, und Research Fellow, Programm Religion, Politics and Globalization, UC Berkeley
2009 Graduate Certificate, Graduate School of Journalism, UC Berkeley
2009–2011 Geschäftsführender Redakteur, MENA, Institute for War and Peace Reporting (IWPR) in Partnerschaft mit dem Zeitungsverbund McClatchy
2010–2012 Rotary World Peace Fellow, Duke-UNC Center for International Studies in Peace & Conflict Resolution
2011–heute Programmdirektor; konzipierte und startete mehrere Initiativen für Frieden, Ge-schlechtergerechtigkeit, zivilgesellschaftliche Teilhabe und unabhängige Medien
2012 Graduate Certificates, Duke-UNC Center for International Studies in Peace & Conflict Resolution sowie Duke-UNC Consortium for Middle East Studies
2012–2016 Dozent, Department of Communication, University of North Carolina at Chapel Hill
2013 M.A. in Kommunikationswissenschaft, University of North Carolina at Chapel Hill
2018–heute Curriculum Manager, Center for Community Health and Development, University of Kansas – entwickelte das Coaching-Programm für zivilgesellschaftliche Organisator:innen
2020 Promotion (Ph.D.) in Kommunikationswissenschaft, University of North Carolina at Chapel Hill (Dissertation: Debating the Limits of Debate: Politics and Rhetorics of Dissent and Disagreement in the Islamic Republic of Iran)
2020–heute Gastwissenschaftler, Center for Middle East and Islamic Studies, UNC-Chapel Hill
2021–heute Berater, Civil Society Coordination Group des Europäischen Parlaments; Berater, International Civil Society Action Network (ICAN); Mitglied, Women's Alliance for Security Leadership (WASL)
2022–heute Gründer und Chefredakteur von Daneshkadeh — der ersten persischsprachigen Open-Access-Plattform für wissenschaftliches Publizieren in den Geistes- und Sozialwis-senschaften
2026 Richard-von-Weizsäcker-Fellow, Robert Bosch Academy, Berlin
Alireza Eshraghis Richard-von-Weizsäcker-Fellowship
Wenn Vertrauen fehlt: Gemeinschaft und gemeinsames Handeln in unsiche-ren Zeiten
Als Richard-von-Weizsäcker-Fellow geht Alireza Eshraghi einer Frage nach, die über einzelne Länder hinausreicht: Wie können Gemeinschaften zusammenhalten und gemein-sam handeln, wenn Vertrauen knapp wird? Überall, sagt er, geraten die Grundlagen des gemeinsamen Lebens ins Wanken: Das Vertrauen in Institutionen, Medien, Fachleute, so-gar ineinander schwindet, und soziale Medien können in Stunden zerstören, was über Jahre an Gemeinschaft gewachsen ist. Für die zivilgesellschaftlichen Akteure, Friedens-stifter und Organisatoren, mit denen Eshraghi in über vierzig Ländern gearbeitet hat, sind die alten Grundlagen kollektiven Handelns nicht mehr selbstverständlich: gemeinsa-me Erzählungen, die Legitimität von Institutionen, das Vertrauen zwischen Menschen.
Was trägt, wenn kein Vertrauen da ist?
Statt zu fragen, wie sich Vertrauen wiederherstellen lässt, will Eshraghi erforschen, wel-che Formen von Solidarität und gemeinsamem Handeln auch ohne Vertrauen möglich sind. Lässt sich nur auf Vertrauen bauen? Oder kann Vertrauen am Ende statt am Anfang von Prozessen stehen, wenn andere Faktoren erfüllt sind? Was hält, auch ohne Vertrau-en? Was lässt Bündnisse entstehen, Bewegungen Bestand haben und Gemeinschaften handeln, wenn die Sicherheit dahin ist, auf der Zusammenarbeit einst beruhte? Können vorsichtige Allianzen – taktisch, von Interessen geleitet, ehrlich in ihren Grenzen – eine Antwort auf den Mangel an Vertrauen sein?
Warum Deutschland?
Eshraghi interessieren die zwei großen Brüche der jüngeren deutschen Geschichte: der Wiederaufbau der Gesellschaft nach 1945 und der Umbruch der Wiedervereinigung nach 1989. Beide, sagt er, waren Momente, in denen eine Gesellschaft neu aushandeln musste, auf welcher Grundlage Menschen zusammenleben und -arbeiten. Nach 1945 musste ein durch Diktatur und Krieg diskreditiertes Land demokratische Institutionen und einen neuen gesellschaftlichen Konsens errichten. Nach 1989 mussten zwei Gesellschaften zusammenwachsen, die von unterschiedlichen politischen Systemen und Kulturen ge-prägt waren.
In beiden Fällen musste Vertrauen – zwischen Menschen wie in Institutionen – unter Druck aufgebaut oder wiederhergestellt werden. Eshraghi will verstehen, wie und wie weit das gelang und wo nicht. Und er fragt, was sich, wenn überhaupt, auf andere Gesellschaften übertragen lässt, die heute mit ihren eigenen Zerreißproben ringen. Als Richard-von-Weizsäcker-Fellow möchte Eshraghi diesen Fragen im größeren Kontext von Debatten über Demokratie, Technologie und gemeinsame Zukunft nachgehen – und in einem Aus-tausch, der auf echter Erfahrung beruht.