Das „System“ hat Alireza Eshraghi nicht zum Schweigen gebracht, als er um die Jahrtausendwende als junger Journalist anfing, voller Hoffnung, in Irans kurzer Reformära etwas zu bewegen. Im Gegenteil: Es lud ihn zum Mitreden ein wie so viele andere – mit „Freien Foren“, „Plattformen des freien Denkens“ und Debattierturnieren für Studierende. Die reformorientierte Zeitung, bei der er anheuerte, Hayat-e No, wurde sogar von einem Bruder des Obersten Führers Ali Khamenei geführt. Alireza wurde der jüngste leitende Redakteur des Landes. Es sah aus, als ließe sich das „nezam“ – das geschlossene System der iranischen Geistlichkeit – am Ende doch zur Öffnung überreden.
Nur wenig später, 2002, landete er für 53 Tage in einer Zelle in Irans berüchtigtem Evin-Gefängnis: Einzelhaft, für den Abdruck einer winzigen Karikatur aus dem Jahr 1938. Sie zeigte US-Präsident Franklin D. Roosevelt im Streit mit dem Obersten Gerichtshof, sein Gesicht kleiner als ein Fingernagel. Die Zeichnung illustrierte ein Interview über steigende Scheidungsraten, nichts Politisches. Und doch, behauptete das „nezam“, ähnele dieses Gesicht nicht dem von Ayatollah Khomeini, dem Gründer der Revolution?
Mehr brauchte es nicht, um den 22-Jährigen wegen Hochverrats und Spionage anzuklagen. Diese Aklagen hat das Regime bis heute nicht fallen gelassen. Was hingegen endete, war Alireza Eshraghis Vertrauen, dass Debatte zu Veränderung führen würde. Doch was dann tun? Das ist die Frage, die ihn bis heute antreibt.
„Die andere Seite hatte sich längst entschieden“
Alireza Eshraghi überstand die 53 Tage, indem er sich nach innen wandte. Zu lesen gab es nichts. Man hatte ihm die Brille abgenommen. Das Licht brannte Tag und Nacht. Er studierte die Kerben, die frühere Häftlinge in die Wand geritzt hatten, um ihre Tage zu zählen. Die längste Zählung ging bis vierzig. Als sein eigener vierzigster Tag verstrich, „war ich am Boden zerstört“. Er hielt dreizehn weitere durch.
Was ihm in dieser Zelle klar wurde: Die Einladung des Systems war von Anfang an hohl gewesen. Die Debatte war keine Debatte. Der Dialog war die Kontrolle. Das Regime öffnete Räume für Auseinandersetzung, damit sie geäußert und eingehegt wurde – und dann versickern konnte, ohne je die Macht zu erreichen. „Es ging nicht um echtes Überzeugen“, sagt er. „Die andere Seite hatte sich längst entschieden.“ Wer diese Räume damals am aufrichtigsten nutzte – Reformer:innen, Journalist:innen, auch Eshraghi –, verlieh dem „nezam“ sogar die Glaubwürdigkeit einer Debatte, die es nie einzulösen gedachte. Der Widerspruch wurde zum Alibi für das System.
So ist es bis heute. Das System lässt den Widerspruch laufen – anders als in Saudi-Arabien, China oder Russland findet sich „auf jeder Titelseite irgendeine Form von Kritik“ – weil die erlaubte Kritik nie zu Konsequenzen führen muss. Der Widerspruch bleibt im Rahmen, und der Rahmen hält, so Alireza Eshraghi. Nur einmal sah er diesen Rahmen brechen: Als Frauen 2022 zum Protest ihr Kopftuch ablegten, hörten sie auf, in der vom Regime erlaubten Form zu streiten. „Ich spiele nicht länger auf eurem Feld“, bringt er es auf den Punkt. „Ich wähle mein eigenes Spiel.“
„Eine Revolution, so groß wie die Französische oder die Russische“
Wie schnell sich eine Welt auf den Kopf stellen lässt, hatte Alireza Eshraghi früh gelernt. 1978 geboren, zwei Monate vor der Islamischen Revolution, wuchs er in einer alteingesessenen Familie Isfahans auf, deren Ansehen das neue Regime hinwegfegte. Einer seiner Onkel war Irans Botschafter in Australien und Mexiko gewesen und sollte in Kürze den Posten in Washington antreten; ein anderer hatte den iranischen Roten Halbmond geleitet und war Bürgermeister von Isfahan, einer der bedeutendsten Kulturmetropolen des Iran. „Er hatte die Verschönerung Isfahans verantwortet – seine Parks, seine Grünan-lagen", sagt Alireza Eshraghi. „Dann wurde er vom neuen Regime verhaftet, in einem Schauprozess abgeurteilt und kurzerhand hingerichtet."
Der Iran-Irak-Krieg 1980-1988 brachte neue Gewalt in seine Heimatstadt. Alireza Eshraghi war acht, als eine Bombe genau die Stelle nahe seiner Schule traf, wo er sich sonst mit seinen Freunden traf. An diesem Tag war er nicht dort. „Ich verlor ein paar enge Freunde. Ein anderer verlor sein Augenlicht, wieder ein anderer wurde gelähmt."
Das waren traumatische Ereignisse, und sie haben mein Leben geprägt – vielleicht zum Guten, weil ich diese Widerstandskraft gelernt habe: mich durch trübe und unklare Gewässer zu bewegen.
Nichts davon sah er damals als Trauma: Das Wort habe es in seiner Kindheit noch gar nicht gegeben, sagt er. Was die Erfahrungen hinterließen, war eine sonderbare Gelassenheit in der Ungewissheit – und Widerstandskraft, die „Fähigkeit, sich durch trübe und unklare Gewässer zu bewegen", wie er es nennt.
„Demokratiebewegungen haben immer weniger Chancen“
Nach Evin konnte er nicht bleiben. 2007 verließ er den Iran, nahm Fellowships in Berkeley und an der Universität von North Carolina at Chapel Hill an und promovierte in Kommunikationswissenschaft. Der Titel seiner Doktorarbeit: „Debatte über die Grenzen der Debatte“ („Debating the Limits of Debate“). Seit 2011 ist er Programmdirektor für den Nahen Osten, Südasien und Nordafrika beim Institute for War and Peace Reporting (IWPR). Die Programme, die er bisher entwarf und leitete, halfen Hunderten Organisationen, Kommunikations- und Advocacy-Strategien aufzubauen, Abläufe zu verbessern, Menschen an der Basis zu mobilisieren und mit knappen Mitteln gegen systemische Probleme anzugehen.
Er hat in mehr als vierzig Ländern mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen gearbeitet. Und dort, zwischen Aktivist:innen und Organisator:innen, holte ihn dieselbe Frage ein, die ihn schon im Iran umgetrieben hatte – nur in neuer Gestalt. Einst hatte sie gelautet: Wie verändert man ein System, dem man nicht trauen kann? Jetzt lautete sie: Wie bringt man Menschen dazu, gemeinsam zu handeln, wenn sie einander nicht trauen?
Wieder und wieder sah er dasselbe geschehen, erzählt er. Menschen, die in ihren Orten Schlüsselfiguren waren, die jahrelang Vertrauen aufgebaut hatten, sahen dieses Vertrauen in Stunden zerfallen, weil ein Fremder in den Sozialen Medien etwas gepostet hatte. „Und die Leute glaubten diesem Tweet eher als den Menschen, die sie kennen, mit denen sie Brot und Salz geteilt haben. Wie soll man da überhaupt noch an Gemeinschaft denken?"
Wir dachten, allein durch Argumentieren könnten wir sie vielleicht überzeugen. Und das hat nicht funktioniert.
Alireza Eshraghi klingt entnervt, und er gibt den sozialen Medien viel Schuld, auch in den westlichen Demokratien: „Es hat so viel Missbrauch von Vertrauen gegeben. Alles ist in den letzten zehn, fünfzehn Jahren zu Storytelling geworden. Warum sollte man einer Geschichte trauen, bloß weil sie schön ist?" Im Zeitalter der sozialen Medien sei es „nicht einmal mehr post-faktisch. Wir können uns nicht einmal mehr auf die Wirklichkeit einigen." Sein Fazit fällt düster aus: „Demokratiebewegungen haben immer weniger Chancen."
Im Vorzimmer bleiben
Wie also können Demokratien überleben, wie können Bürger:innen noch gemeinsam handeln, wenn das Vertrauen stirbt? Genau daran will Alireza Eshraghi als Richard von Weizsäcker Fellow in Deutschland arbeiten – einem Land, das selbst unter wachsender Polarisierung und schwindendem Vertrauen steht, und das zugleich zwei große historische Brüche durchlebt hat – 1945 und 1989 –, nach denen es jedes Mal neu aushandeln musste, auf welcher Grundlage Menschen zusammenleben und -arbeiten.
Seine Frage ist nicht, wie sich Vertrauen wiederherstellen lässt, sondern welche Formen von Solidarität und Handeln auch ohne es entstehen können. Die Antwort, vermutet er, könnte darin liegen, die Erwartungen zu senken: nicht das tiefe Alles-oder-nichts-Vertrauen einer gemeinsamen Sache, sondern etwas Dünneres und Taktischeres. „Vertrauen ist kognitiv, sozial und emotional teuer", sagt er. Kooperation könnte ein Weg sein: „Kooperation muss nicht auf Vertrauen beruhen. Aber wir haben nicht den Luxus auszuwählen. Man muss das nehmen, was machbar ist, am sichersten – und was funktioniert. Und man muss zugleich strukturelle Verbindlichkeiten schaffen, die das Mitmachen leichter machen als das Aussteigen."
Und dann greift er zu einem Bild. „In vielen asiatischen Kulturen gibt es zwei Räume für Besucher:innen. Einen größeren für alle – die kommen nicht weiter ins Haus. Und wenn man einander nahe genug ist, wenn Vertrauen da ist, lässt man sie weiter hinein." Er hält inne. „Vielleicht ist jetzt die Zeit, an diese größeren Räume zu denken."
Alireza Eshraghi
Juli 2026 – Dezember 2026
Wie bleibt kollektives Handeln unter Bedingungen schwindenden Vertrauens möglich?