Nord- und Südamerika wappnen sich gegen die Auswirkungen von Trump 2.0
von Robert Muggah
Nur 45 Tage nach Beginn seiner 1.461 Tage dauernden Amtszeit ist Präsident Trump entschlossen, den Einfluss der USA auf die beiden amerikanischen Kontinente zu verstärken – also auf Kanada, Grönland (geografisch ebenfalls ein Teil des Kontinents) und Mexiko in Nordamerika und die Staaten Mittel- und Südamerikas. Er glaubt, dass er das Mandat und die rohe militärische und wirtschaftliche Macht hat, um die westliche Hemisphäre im Alleingang neu zu gestalten. Anstatt zwischen Verbündeten und Feinden oder Demokraten und Autokraten zu unterscheiden, teilt die Trump-Regierung die Welt in Starke und Schwache ein. Sie beruft sich dabei auf Thukydides, der über den athenischen Imperialismus sagte: „Die Starken tun, was sie wollen – die Schwachen, was sie tun müssen.“
Innerhalb weniger Wochen nach seinem Amtsantritt haben Trump und sein Team eine Reihe von protektionistischen Maßnahmen ergriffen, die die globalen Märkte in den USA, Europa und Asien ins Taumeln gebracht haben. Am 4. März verhängte die Regierung Zölle in Höhe von 25 Prozent auf alle Einfuhren aus Kanada und Mexiko sowie einen Zoll von 20 Prozent auf chinesische Waren. Diese Maßnahmen lösten rasche Vergeltungsmaßnahmen Kanadas und Chinas aus, Mexiko folgte. Trotz der Andeutungen von US-Handelsminister Howard Lutnick, dass die Zölle gelockert werden sollen, wächst die Angst vor einem anhaltenden Handelskrieg mit weitreichenden globalen Folgen.
Trumps aggressive Drohungen mit Zöllen unterstreichen nicht nur seinen grundlegenden Politikansatz „America First“, sondern postulieren eine umfassendere „Americas First“-Außenpolitik. Das erinnert an die politischen Doktrinen des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts, die von früheren Präsidenten wie Monroe, Polk, McKinley, Jackson, Roosevelt und Wilson vertreten wurden und die allesamt die Vorherrschaft der USA in der westlichen Hemisphäre förderten. Die Konzentration der derzeitigen Regierung auf Themen wie die Verlangsamung der Drogen- und Migrantenströme und die Beseitigung tatsächlicher und vermeintlicher Handelsungleichgewichte hat zu einem Wiederaufleben der interventionistischen Rhetorik mit historischem Vorbild geführt. Auch wenn die jüngste Entwicklung eine Abkehr von der relativen Zurückhaltung während des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts bedeutet, so weckt sie doch auf dem gesamten amerikanischen Kontinent Bedenken im Kontext der früheren Einmischung der USA in Lateinamerika und der Karibik.
Die Ernennung von Marco Rubio, einem Amerikaner kubanischer Herkunft, zum Außenminister signalisiert das verstärkte Interesse der Regierung an Lateinamerika und der Karibik. Rubios diplomatische Antrittsreise im vergangenen Monat umfasste Besuche in Panama, El Salvador, Costa Rica, Guatemala und der Dominikanischen Republik, was eine historische Premiere für einen US-Außenminister darstellt. An seiner Seite standen mehrere Beamte der Trump-Administration mit Interessen in Nord- und Südamerika, darunter der stellvertretende Außenminister Chris Landau, der Nationale Sicherheitsberater Mike Waltz und der ehemalige Direktor des Nationalen Sicherheitsrats für Angelegenheiten der westlichen Hemisphäre Mauricio Claver-Carone. Ihr Fokus auf die Region zeigt, dass die Regierung den Einfluss der USA dort wieder geltend machen will, wenn auch möglicherweise auf Kosten traditioneller regionaler Bündnisse.
Kanada, das lange Zeit als engster Verbündeter der USA galt, befindet sich nun aufgrund der neu eingeführten Zölle in einer heftigen politischen Auseinandersetzung mit seinem Nachbarn. Die Zollmaßnahmen drohen, tief verflochtene Lieferketten zu unterbrechen, was Sektoren von der Fertigung bis zur Landwirtschaft betrifft. Die tatsächlichen und potenziellen Auswirkungen haben in Kanada Diskussionen darüber ausgelöst, wie die Abhängigkeit von den USA durch ein neues Risikomanagement verringert werden kann, zum Beispiel auch durch eine Diversifizierung der Handelspartnerschaften, insbesondere mit der Europäischen Union (EU). Kanadas größter Pensionsfonds prüft Berichten zufolge eine Diversifizierung seines Portfolios weg von den USA. Trump hat nicht nur die Stimmung im kanadischen Wahlkampf zugunsten der Liberalen Partei verschoben, sondern auch die Kanadier geeint, indem er Maßnahmen zum Abbau von Handelshemmnissen auf kanadischer Bundes- und Provinzebene beschleunigt und Verbraucherproteste gegen US-Waren ausgelöst hat.
Die Länder in Mittelamerika und der Karibik haben unterdessen mit den Auswirkungen einer sich verändernden Diplomatie, eines sich verschärfenden Wettbewerbs, zunehmender Abschiebungen und einer geringeren Unterstützung durch die USA zu kämpfen. Es wird erwartet, dass Trumps Zölle nicht nur den Arbeitskräftemangel in den USA verschärfen und die Produktionskosten in den USA erhöhen werden, sondern auch die für die lokale Wirtschaft wichtigen Geldüberweisungen von Personen, die aus den mittelamerikanischen Ländern stammen und in den USA arbeiten, in diese Regionen verringern werden. Die harte Haltung der US-Regierung in Bezug auf Grenzsicherheit und Migration hat Bedenken hinsichtlich einer möglichen Destabilisierung ausgelöst. Zwar besteht die Gefahr, dass Trumps Maßnahmen den Unmut und die politischen Turbulenzen verstärken, doch werden sie (noch) nicht wie in der Vergangenheit mit Massenprotesten oder Aufrufen zur regionalen Solidarität beantwortet.
Gleichzeitig verschiebt sich die politische Landschaft in ganz Lateinamerika, wobei rechtsextreme Ideologien an Boden gewinnen (und die Linke in vielen Bereichen zerbricht). Persönlichkeiten wie Javier Milei aus Argentinien und Nayib Bukele aus El Salvador haben sich eine populistische Rhetorik zu eigen gemacht, die mit dem „Trumpismo“ (und seinem Pendant, dem „Anti-Wokismo“) vergleichbar ist und einen allgemeinen regionalen Trend zum Konservatismus widerspiegelt. Diese Trends, zusammen mit aggressiven „mano dura“-Maßnahmen, einer Politik der harten Hand zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens (bei gleichzeitig verringerten Bemühungen zur Korruptionsbekämpfung seitens der USA), werfen beunruhigende Fragen über die Zukunft der demokratischen Normen und der Regierungsführung in diesen Ländern auf. Auch die Einstufung mehrerer Kartelle und Banden als „Terroristen“ durch die USA löst in Mexiko und anderen Ländern Sorge aus, dass ihre Souveränität beeinträchtigt wird.
Chinas großer Einfluss in Lateinamerika macht die strategische Haltung der USA noch komplexer. Als dominierender Handelspartner der Region stellt Chinas Präsenz eine Herausforderung für die Bemühungen der USA dar, ihren hegemonialen Status wieder zu behaupten. Die US-Regierung versucht diesem Einfluss entgegenzuwirken, indem sie Druck auf die Länder ausübt, damit diese ihre Abhängigkeit von China verringern. Solche Strategien bergen jedoch die Gefahr, Ressentiments zu schüren und die Länder noch mehr in Pekings Arme zu treiben (selbst in Zeiten politischer, wirtschaftlicher und demografischer Probleme in China selbst). Nachdem Marco Rubio von Panama „sofortige Änderungen“ mit Blick auf Chinas „Einfluss und Kontrolle“ über den Panamakanal gefordert hatte, erklärte sich ein in Hongkong ansässiges Unternehmen bereit, seinen Anteil an zwei wichtigen Häfen an eine Gruppe unter der Führung der US-Investmentfirma BlackRock zu verkaufen. Auf einer anderen Ebene werden die sich vertiefenden Beziehungen der USA zu Russland auch zu einer Neuausrichtung der US-Partnerschaften in Nord- und Südamerika führen. Das wirft weitere Fragen auf, zum Beispiel, wie die USA mit Gegnern wie Kuba, Nicaragua und Venezuela umgehen werden.
Trump 2.0 hat eine Periode verstärkten Engagements der USA in Nord- und Südamerika eingeläutet. Dieses Engagement ist durch protektionistische Politik und einen erstarkenden politischen Einfluss gekennzeichnet. Zu Recht oder zu Unrecht ist der US-Präsident davon überzeugt, dass der Schlüssel zum Erfolg im eigenen Land darin liegt, Drogen und Migration unter Kontrolle zu bringen und Arbeitsplätze industrieller Branchen aus anderen Ländern zurück in die USA zu bringen. Noch umstrittener ist, dass er auch expansive Ambitionen zu hegen scheint, nicht zuletzt die Einnahme Grönlands und möglicherweise Kanadas, falls erforderlich „mit Gewalt“ – eine Drohung, die Kopenhagen und Ottawa sehr ernst nehmen. Während einige seiner Maßnahmen darauf abzielen, seit langem bestehende innenpolitische Probleme in den USA zu lösen, werden sie auch wirtschaftliche Störungen und geopolitische Neuausrichtungen hervorrufen und sowohl Verbündete als auch Gegner dazu veranlassen, ihre Positionen in einem sich rasch entwickelnden politischen Umfeld neu zu bewerten.
Positiv gesehen ist es auch möglich, dass ein aggressives Vorgehen der USA neue Formen der Zusammenarbeit in einer fragmentierten Welt anregen könnte. Während es für kleinere und mittelgroße Länder starke Anreize gibt, miteinander zu konkurrieren und rein transaktionelle Beziehungen zu pflegen, ergeben sich auch Möglichkeiten für mehr Solidarität und Zusammenarbeit, unter anderem in Fragen der Sicherheit, der Migration, des Handels und der Klimapolitik. Viele Länder sind schockiert über die Schnelligkeit und Härte des Vorgehens der USA, unterzeichnen aber im Stillen Abkommen zur Abschiebung von Migranten. Hinter den Kulissen sondieren praktisch alle Länder (und Unternehmen) des amerikanischen Kontinents neue Partnerschaften, Bündnisse und Handelsbeziehungen, auch mit Europa, China, Indien und den BRICS+-Staaten. Wie auch immer die regionalen Koalitionen und die Innenpolitik der Länder in den kommenden Jahren aussehen werden, ist keinesfalls klar, dass die USA die treibende Kraft sein werden, geschweige denn, dass sie im Zentrum der Entwicklungen stehen.
Die Robert Bosch Academy versammelte führende Intellektuelle aus ganz Amerika, um über die Auswirkungen von Trump 2.0 nachzudenken. Die Veranstaltung am 4. März 2025 wurde von Richard von Weizsäcker Fellow Dr. Robert Muggah moderiert. Unter den Teilnehmenden waren Brian Winter (Americas Quarterly), Catherine Osborn (Foreign Policy), Doug Saunders (The Globe and Mail) und Carlos Alvarado (Tufts University). Der obige Artikel fasst Teile der Diskussion zusammen, die unter der Chatham-House-Regel stattfand.
Quarterly Perspectives
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