Der Ungehorsame.

Er ist Philosoph, Provokateur und einer der umstrittensten Denker, wenn es um Israel geht: Omri Boehm ist bekannt dafür, sich auf keine Seite zu schlagen. In Berlin vertritt er die These, dass nicht Macht, sondern Idealismus wirklich realistische Politik ist.

Omri Boehm hat einen Rat für seinen elfjährigen Sohn, der zugleich viel über ihn selbst erzählt: Wenn sich eines Tages die ganze Klasse gegen deinen Lehrer stellt, und sei es aus guten Gründen, so sagt er ihm, dann sei du derjenige, der irgendwann sagt: Halt. 

Boehm kennt diese Rolle: Er ist ein Israeli, der fordert, dass sein eigener Staat Juden und Palästinensern gleichermaßen gehört. Er ist der Enkel einer Holocaust-Überlebenden, dessen Gedenkrede zum 80. Jahrestag der Befreiung von Buchenwald nach Protesten der israelischen Botschaft abgesagt wurde. Er hat seinen Militärdienst beim israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet geleistet und besteht heute darauf, dass die Menschenwürde über allen staatlichen Interessen stehen muss. 

Omri Boehm pflegt den Ungehorsam, und er schämt sich dafür nicht. „Ungehorsam richtet sich immer gegen Macht. Niemand hat das Recht, einfach nur zu gehorchen.“ Diese Haltung hat ihn zuweilen einsam gemacht, sagt er, doch ihre Wurzeln reichen bis in seine Kindheit in Galiläa zurück. Geformt wurden sie durch seine Beschäftigung mit Philosophie und Theologie, mit Kant und der Hebräischen Bibel. Im Kern geht es ihm um eine einfache Feststellung: Jedem Menschen steht dieselbe Würde zu, unabhängig von Herkunft oder Nation. Als Richard-von-Weizsäcker-Fellow an der Robert Bosch Academy schreibt er nun ein Buch, in dem er zeigen will: In einer Zeit, in der die Machtpolitik wieder den Ton angibt, sind Idealist:innen die wirklichen Realist:innen. 

„Die Vergangenheit war immer gegenwärtig“ 

Wo lernt jemand, sich gegen die eigene Seite zu stellen? Und gegen welche eigene Seite eigentlich? Wenn Omri Boehm als deutsch-israelischer Philosoph bezeichnet wird, widerspricht er sofort. „Ich bin nichts anderes als Israeli“, beharrt er. Doch selbst das ist keine einfache Geschichte. Er wuchs, wie er selbst sagt, „halb-halb“ auf. Sein Vater kam aus einer deutsch-jüdischen, aschkenasischen Familie, seine Mutter aus einer iranisch-jüdischen. Als seine Eltern heirateten, waren Ehen zwischen aschkenasischen und mizrachischen bzw. sephardischen Jüd:innen in Israel noch eine Seltenheit. „Meine Mutter war die einzige nicht-aschkenasische Jüdin in der Kommune“, sagt Boehm. „Erst später habe ich verstanden, wie wichtig das eigentlich war.“ 

Die Familie seiner deutschen Großmutter war im Holocaust ermordet worden. Sie selbst konnte fliehen. Als Kind sah Boehm die tätowierte Nummer auf ihrem Arm, „etwas, das mein Sohn nicht mehr sehen wird“. Ihm ist sie als Frau in Erinnerung, die „sich mit Thomas Mann und Schopenhauer umgab“. In ihrem Haus habe es „nie Ressentiments gegen Deutschland“ gegeben. Doch: „Die Vergangenheit war immer gegenwärtig.“ Omri Boehm lernte daraus gerade nicht, immer zuerst zur eigenen Gruppe zu halten. Sein Maßstab wurde ein größerer: Die Würde eines jeden Menschen steht höher als die Interessen einer Nation oder Gruppe, selbst der eigenen.  

Auf die Probe gestellt wurde dieser Gedanke am härtesten Ort, den man sich denken kann. Gleich nach der Schule, kurz vor der Zweiten Intifada, leistete Omri Boehm seinen Militärdienst im Schin Bet, dem israelischen Inlandsgeheimdienst. „Ich bin nicht stolz darauf, Teil einer Organisation gewesen zu sein, die ein Zentrum israelischer Gewalt gegen das palästinensische Volk ist, und das ist noch milde ausgedrückt”, sagt er und hält kurz inne. „Manchmal wird erst später klar, was ein Ereignis eigentlich bedeutet.“  

„Menschenwürde verträgt keinen Gehorsam“ 

Omri Boehm baute eine Philosophie aus seinem Unbehagen. Er promovierte über Kant, den er als Erben der biblischen Propheten liest, und nahm daraus die Erkenntnis mit: Wahre Moral, und mit ihr die Menschenwürde, entspringt nur dem Gesetz, das man sich selbst gibt, und nicht jenen, denen man einfach nur gehorcht. „Menschenwürde verträgt keinen Gehorsam“, so sagt er. „Wer bloß gehorcht, hat im Grunde freiwillig seine eigene Würde aufgegeben.“ 

Seine Philosophie dreht sich um dasselbe Prinzip, das er schon als junger Mann festhielt: Wenn die menschliche Würde allgemeingültig ist, darf sich keine Autorität über sie hinwegsetzen, keine Mehrheit, kein Staat, nicht einmal Gott. In seinem ersten Buch The Binding of Isaac stellt Omri Boehm denn auch die traditionelle Lesart der biblischen Geschichte von Abraham und Isaak auf den Kopf. Abrahams Größe, so argumentiert er, lag nicht darin, Gottes Befehl zu gehorchen und seinen Sohn zu töten. Sie lag vielmehr in seiner Bereitschaft, sich Gottes Befehl zu widersetzen. Denselben Gedanken sieht er im ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes verankert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser erste Artikel beschreibt einen Menschen, der nicht gehorcht, so Omri Boehm. 

„Ungehorsam richtet sich immer gegen Macht“ 

Für ihn ist die universelle Menschenwürde und der Ungehorsam, den sie verlangt, Maßstab allen Handelns. Das Prinzip mag einfach klingen, ist aber schwer zu leben, sagt er, denn es heißt, sich auch gegen die eigene Welt zu stellen. „Ungehorsam richtet sich immer gegen Macht“, sagt Omri Boehm und erinnert an den Rat, den er seinem Sohn gab. Eine Gruppe, die sich gegen Machthabende zusammenschließt, wird schnell selbst zur Macht, so Boehm. „Dann derjenige zu sein, der sieht, dass diese Gruppe, die vielleicht sogar die eigene ist, nun die Machthabende ist, das ist wohl die schwierigste Aufgabe.“  

Mit seiner strikten Weigerung, sich auf die Seite der Macht zu schlagen, hat sich Omri Boehm in der Debatte über Israel viele Gegner gemacht. Doch er besteht darauf, dass derselbe Maßstab für alle gelten muss. „Die Palästinenser haben keine Macht. Sie brauchen unseren Schutz, auch meinen“, sagt er. Aber damit ist die Sache für ihn nicht erledigt. „Auch diejenigen, die heute die Debatte gegen Israel antreiben, müssen kritisiert werden“, sagt er.  

„Ich stehe allein da, überraschend allein“ 

„Ich will beide Seiten enttäuschen. Beide Seiten zu enttäuschen, heißt nicht, moderat zu sein. Es ist eine wahrhaft radikale Alternative“, sagt Omri Boehm. 2025 bekam er zu spüren, was dies bedeuten kann. Als Philosoph und Enkel einer Holocaust-Überlebenden war er 2025 zunächst eingeladen worden, bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald eine Rede zu geben. Doch nach Protesten der israelischen Botschaft wurde seine Einladung zurückgezogen. Nicht der Druck dieser Situation habe ihn verletzt, sondern die Stille danach, sagt Omri Boehm rückblickend. Berufskolleg:innen verteidigten zwar sein Recht zu sprechen, doch kaum jemand verteidigte, was er zu sagen hatte: „Kein deutscher Intellektueller hat diese Prinzipien verteidigt. Das hat mich beunruhigt.“ Ohne jedes Selbstmitleid konstatiert er: „Ich stehe allein da, überraschend allein.“ 

Was wollte er sagen? Omri Boehms Rede erschien später in der Süddeutschen Zeitung. „Können wir das Vergessen jemals verhindern, wenn das Erinnern nicht von einem unbeirrbaren Engagement für den Frieden begleitet wird?“, hatte er mahnen wollen. „Das Gegenteil von Vergessen ist nicht nur das Wissen um die Vergangenheit, sondern auch die künftige Einhaltung der Pflichten, die uns von dieser Vergangenheit auferlegt worden sind.“ Der Opfer des Holocaust zu gedenken, so sein Argument, könne nur heißen, heute die Würde aller Menschen zu achten. „‚Nie wieder‘ ist nur in seiner universellen Form gültig.“ 

„Wer glaubt, dass mehr Macht ihn rettet, begeht Selbstmord“ 

Der Gedanke, dass auch Staaten sich an allgemeingültige Prinzipien der Würde halten müssen, steht auch im Fokus von Omri Boehms Arbeit als Richard-von-Weizsäcker-Fellow. Nun allerdings bezieht er ihn auf Europa: Fokus des Buchs, an dem er arbeitet, ist die Rückkehr zur Machtpolitik, die als „realistische“ Reaktion auf geopolitische Veränderungen dargestellt wurde. „Naiv sind nicht die, die an Idealen festhalten wollen, sondern die, die glauben, wir könnten ohne sie leben.“ 

„Das Völkerrecht ist nötig, um souveräne Staaten vor sich selbst zu schützen. Das beste Beispiel ist Israel“, sagt Omri Boehm unumwunden. Er stimmt zu, dass Europa angesichts der heutigen geopolitischen Lage stark sein muss, „aber wer glaubt, dass mehr Macht ihn rettet, begeht Selbstmord.“ Seinem Prinzip des Ungehorsams treu, mahnt er, das Streben nach Stärke dürfe nicht mit weniger Moral einhergehen. Die Rückkehr zur „Machtpolitik“ drohe die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. „Erst nach dem Holocaust findet man die Menschenwürde überhaupt in Verfassungen.“ 

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Richard von Weizsäcker Fellow Omri Boehm
Derzeit Fellow in Berlin

Omri Boehm

Okt. 2026 - Jul. 2027

Kann Europa stark sein, wenn es die Ideale von Frieden und universeller Menschenwürde preisgibt, auf denen es nach 1945 gebaut wurde?