Omri Boehm
Kann Europa stark sein, wenn es die Ideale von Frieden und universeller Menschenwürde preisgibt, auf denen es nach 1945 gebaut wurde?
Mehr über Omri Boehm
Omri Boehm ist ein israelischer Philosoph, der sich mit Fragen der universellen Menschenwürde, des Ungehorsams und der Grenzen staatlicher Macht auseinandersetzt. Ausgehend von seiner Analyse Kants und der Hebräischen Bibel betrachtet er die Menschenwürde als universell gültig und argumentiert, dass keine Nation, keine Mehrheit und kein Staat sich über sie hinwegsetzen oder sie allein für sich beanspruchen darf.
Omri Boehm studierte nach seinem Militärdienst beim israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet im Adi-Lautman-Programm für besonders begabte Studierende an der Universität Tel Aviv und erwarb dort einen Master in Philosophie. 2009 promovierte er an der Yale University. Seit 2010 lehrt er an der New School for Social Research in New York, wo er heute den Fachbereich Philosophie leitet.
In seinem ersten Buch The Binding of Isaac: A Religious Model of Disobedience entwickelte Boehm die These, die sein Werk bis heute prägt: Menschenwürde und moralische Verantwortung verlangen, sich der Macht zu widersetzen, statt ihr einfach zu gehorchen. 2024 erhielt er für Radikaler Universalismus den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.
Selbst Enkel von Opfern des Holocaust, gehört Omri Boehm heute zu den umstrittensten Intellektuellen, wenn es um Israel geht. In Haifa Republic entwirft er die Idee eines gemeinsamen Staates für Israelis und Palästinenser. Er gilt als scharfer Kritiker des Umgangs Israels mit den Palästinensern und des israelisch-amerikanischen Krieges gegen den Iran. Im Jahr 2025 wurde seine Einladung als Gastredner zum 80. Jahrestag der Befreiung von Buchenwald nach Protesten der israelischen Botschaft zurückgezogen.
Als Richard von Weizsäcker Fellow richtet Boehm seinen philosophischen Ansatz auf Europa. In einem neuen Buch geht er der Frage nach, ob Europa an Stärke gewinnen kann, wenn es sich von den universellen Prinzipien verabschiedet, auf denen seine Nachkriegsordnung beruht. Entgegen der Tendenz zurück zu macht-politischen Prinzipien argumentiert er, dass Menschenwürde und Völkerrecht keine Hindernisse, sondern Voraussetzungen von politischer Stärke sind. Das europäische Projekt, so seine These, kann nur als kosmopolitisches Projekt Bestand haben.
Lebenslauf
1979 Geboren in Haifa, Israel; aufgewachsen in Gilon in Galiläa
1997–2000 Militärdienst beim Shin Bet, dem israelischen Inlandsgeheimdienst
2000–2003 Studium im Adi Lautman Interdisciplinary Program for Outstanding Students, Universität Tel Aviv; M.A. in Philosophie
2007 Veröffentlichung: The Binding of Isaac: A Religious Model of Disobedience (Continuum)
2009 Promotion in Philosophie, Yale University; Dissertation: Kant’s Critique of Spinoza
2010 Postdoctoral Fellow, Ludwig-Maximilians-Universität München
seit 2010 Associate Professor und Leiter des Fachbereichs Philosophie, New School for Social Research, New York
2014 Veröffentlichung: Kant’s Critique of Spinoza (Oxford University Press)
2020 Veröffentlichung: Israel. Eine Utopie (deutsche Ausgabe)
2021 Englische Ausgabe: Haifa Republic: A Democratic Future for Israel (New York Review Books)
2022 Veröffentlichung: Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität (Propyläen); englische Ausgabe: Radical Universalism
2023 Nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis mit Radikaler Universalismus
2024 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, Februar bis Juli
2024 Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung; Verleihung am 20. März im Gewandhaus, Laudatio von Eva Illouz
2024 Veröffentlichungen: Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant (mit Daniel Kehlmann, Propyläen); Die Realität der Ideale (Propyläen; englisch: The Reality of Ideals)
2026 Richard von Weizsäcker Fellow, Robert Bosch Academy, Berlin
Omri Boehms Richard-von-Weizsäcker-Fellowship
Europas Zukunft und das Völkerrecht: Für den Idealismus in einer Zeit der Machtpolitik
Als Richard von Weizsäcker Fellow untersucht Omri Boehm, was geschieht, wenn sich die internationale Politik von universellen Prinzipien abwendet und wieder stärker auf Souveränität, nationale Interessen und die Stärkung staatlicher Macht ausrichtet. Entgegen erstarkender Tendenzen, die das Völkerrecht als naiv-idealistischen Luxus abtun, verteidigt er Frieden, Menschenwürde und eine regelbasierte internationale Ordnung. Er sieht darin die Kernvoraussetzungen für Sicherheit in einer Welt, in der Staaten vielfach voneinander abhängig sind.
Ideale oder vermeintlicher Realismus
Omri Boehm arbeitet während seines Fellowships an einem Buch, das den gegenwärtigen, vermeintlichen „Realismus“ in der Politik grundsätzlich hinterfragt. Realismus, so sein Argument, beschreibt nicht einfach neutral, wie die Welt funktioniert. Wenn staatliche Macht der Maßstab politischen Handelns werde, drohe eine neue Ideologie der Macht. Omri Boehm sieht Frieden als ernstzunehmendes politisches Ideal, aus dem sich Gesetze und Institutionen ableiten lassen – selbst dann, wenn Frieden selbst unerreichbar bleibt. Sein Ausgangspunkt ist die Nachkriegsordnung nach 1945: Basierend auf den Erfahrungen von Auschwitz und Hiroshima wurden darin Menschenwürde und Völkerrecht erstmals zu zentralen politischen Prinzipien erhoben.
Kann Europa mit „weniger Moral“ stark sein?
In seinem neuen Buch untersucht Omri Boehm diese Überlegungen mit gezieltem Blick auf Europa. Er fragt, ob Europa wirklich an Stärke gewinnen kann, wenn es sich gleichzeitig von moralischen und universellen Grundsätzen abwendet. Er hält das Projekt Europa für wesentlich postnational, aber nicht antinational, und argumentiert, dass es nur als kosmopolitisches Gebilde Bestand haben kann.
Während seines Fellowship beschäftigt er sich außerdem mit den Erinnerungskulturen rund um die Themen Holocaust und Kolonialismus. Die Erinnerung an den Holocaust und die Erinnerung an koloniale Herrschaft, die beide wichtige Impulse für universelles Recht gegeben haben, geraten nach seiner Darstellung in der Politik heute zunehmend in Konflikt. Omri Boehm plant, diese Fragen mit Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit in Deutschland und Europa zu diskutieren.